Aus aktuellem Anlass eine Ergänzung:

 

Zum Nachdenken …

 

PDA - Pathological Demand Avoidance

 

[Mir ist bis heute keine gute Übersetzung eingefallen, deshalb lasse ich den Begriff unübersetzt.]

 

  • “… changes in terminology have led PDA now to be considered part of the family of autism spectrum disorders or conditions (ASD/ASC).”

 

[Übersetzt in etwa: Änderungen in der Terminologie haben dazu geführt, dass PDA jetzt auch als Teil der Autismus-Spektrum-Familie angesehen wird. Quelle:

https://senmagazine.co.uk/home/articles/senarticles-2/a-tipping-point-for-pda]

 

Nichts liegt mir ferner, als jemanden – v. a. auch nicht ein Kind  – „pathologisieren“ zu wollen. So auch hier nicht. Was ich aber (auch hier …) möchte, ist, zu informieren, Verständnis zu wecken, den Blick auf Zusammenhänge und auf mögliche Ursachen lenken, zum Nachdenken anregen.

 

Der Begriff PDA* (Pathological Demand Avoidance) wurde 1980 erstmals verwendet von Prof. Elizabeth Newson, einer britischen Kinderpsychologin.  

 

Beschrieben wurde damit zunächst eine Gruppe von Kindern, bei denen die damals oft verwendete Bezeichnung ‚atypischer Autismus‘* nicht richtig passte und sich auch als nicht besonders hilfreich erwies.

 

* In den USA wurde der Begriff PDD-NOS (Pervasive developmental disorder not otherwise specified) verwendet.

  • „Newson saw PDA as a separate syndrome related to autism and Aspergers’s syndrome and pointed out that there may be some children, who fall between these ‚typical clusters‘ (i.e. they share characteristics of both syndromes).”

 

[Übersetzt in etwa: Newson sah PDA als ein eigenständiges Syndrom, verwandt mit Autismus und Asperger-Syndrom, und zeigte auf, dass manche Kinder möglicherweise zwischen diese ‚typischen Gruppen‘ fallen (d. h., dass sie Besonderheiten beider Syndrome aufweisen).]

[Quelle: PDA-Buch; S. 14]

 

Nach und nach wurde PDA klinisch besser beschrieben, und damit wurden auch die Unterschiede zum Asperger-Syndrom klarer.

 

Weitere Studien zeigten dann auch, dass die Symptome von der Kindheit an bis ins Erwachsenenalter erhalten bleiben.

 

Diagnosekriterien

.

.

 

Übersetzt in etwa:

1. Passive early history in the first year.

 

Verhält sich bereits früh im ersten Lebensjahr passiv.

 

2. Continues to resist and avoid ordinary demands of life … strategies of avoidance are essentially socially manipulative.

 

Widersetzt und weigert sich anhaltend,

alltägliche Anforderungen des Lebens (z. B. morgendliches Aufstehen, an Familienaktivitäten teilnehmen) zu erfüllen … die Vermeidungs-Strategien sind im wesentlichen manipulierend (z. B. durch Ablenkung, Ausreden).

 

3. Surface sociability, but apparent lack of sense of social identity, pride or shame.

 

Wirkt oberflächlich gesellig, scheint aber keinen Sinn für die eigene soziale Identität, kein Stolz- oder Schamgefühl zu haben.

 

4. Lability of mood, impulsive, led by need to control.

 

Stimmungslabilität, Impulsivität aufgrund des Kontrollbedürfnisses.

5. Comfortable in role play and pretending.

 

Mag Rollen- und “So-tun-als-ob-Spiele”.

6. Language delay, seems the result of passivity; good degree of catch-up.

 

Verzögerte Spachentwicklung, vermutlich als Folge der Passivität; wird aber zu einem guten Grad auf-/nachgeholt.

 

7. Obsessive behaviour.

Zwanghaftes Verhalten.

 

8. Neurological involvement:

 

- clumsiness

- physical awkwardness

- crawling late or absent (50 %)

 

Some have:

- absences

- fits

- episodic dyscontrol

 

Neurologische Beteiligung:

 

- Ungeschicklichkeit, Schwerfälligkeit

- körperliche Unbeholfenheit

- spätes Krabbeln (bei 50 %)

 

Evtl. zusätzlich:

- Absencen

- epileptische Anfälle, Tantrums

- episodische Kontrollverluste

 

 

[Quelle: Phil Christie, Margaret Duncan, Ruth Fidler, Zara Healy – Understanding Pathological Demand Avoidance Syndrome in Children; Jessica Kingsley Publishers 2012; S. 12f.; und http://www.pdasociety.org.uk/what-is-PDA/diagnostic-criteria]

 

Auch sensorische Besonderheiten sind möglich:

Menschen mit PDA können Probleme haben bei der Verarbeitung von sensorischen Informationen (z. B. von Geräuschen, Licht, Gerüchen, Geschmacks- und Berührungsreizen). Auch möglich sind vestibuläre Schwierigkeiten (Gleichgewichtsprobleme) und Probleme der Körperwahrnehmung.

[Quelle: http://www.autism.org.uk/about/what-is/pda.aspx]

 

Bisher wird PDA nicht in den Diagnose-Manuals (DSM-V, ICD-10) aufgeführt.

 

Wichtig zu wissen …

 

Das wichtigste „Indiz“ (keystone) für PDA ist die angstbasierte „Leistungsverweigerung“.

Dieses angstgesteuerte Vermeidungs-Verhalten entsteht aus dem Bedürfnis heraus, alles „unter Kontrolle“ zu haben und damit die Angst zu reduzieren.

 

Kinder mit PDA

  • verweigern oft den Schulbesuch, werden vom Schulbesuch ausgeschlossen;

  • haben oft seelische Gesundheitsprobleme, einschl. eines niedrigen Selbstwertgefühls, und mangelndes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

 

Für Familien bedeutet es jede Menge Stress!

  • Da dieses Vermeidungsverhalten auch bei Autismus und Verhaltensproblemen (conduct disorders) sehr verbreitet ist, kann es selbst für erfahrene Fachleute schwierig sein, PDA zu erkennen.

 

Kinder mit PDA wirken oberflächlich betrachtet sehr höflich, gesprächig und gesellig und scheinen auch keine Angst vor Autoritäten (z. B. Lehrern, Polizei) zu haben.

 

Sie unterhalten sich oft lieber mit Erwachsenen als mit Gleichaltrigen.

 

Oft werden sie als „Jekyll-und-Hyde-Charakter“ beschrieben. Ihre Stimmung/Laune kann sich sehr schnell ändern, und oft kommt es zu Nervenzusammenbrüchen (‚meltdowns‘) und extremem, manchmal auch gewalttätigem Verhalten.

 

WICHTIG:

  • Solch ein Verhalten sollte als Panik-Attacke angesehen werden, als Reaktion auf vorausgegangene (oder stetig wahrgenommene) Anforderungen.

 

Und WICHTIG:

  • Manche Kinder kommen in der Schule gut klar, aber zu Hause nicht, und umgekehrt, oder sie zeigen in beiden Situationen dasselbe Verhalten.

  • Kinder mit PDA können manchmal nicht einfach aus ihren Erfahrungen lernen.

  • Oft haben sie längere ruhige Phasen, auf die aber – ohne ersichtlichen Grund -  eine unruhige Phase folgen kann, was Eltern und Lehrer dann irrtümlicherweise annehmen lässt, sie hätten etwas falsch gemacht.

  • Manche Kinder mit PDA haben eine rege Phantasie, die – meist bei Mädchen – extrem und schädlich für ihr Wohlergehen sein kann, wenn sie sich von der Realität entfernen („abschneiden“) und einen komplett anderen Charakter annehmen.

 

Was hilft?

 

Vor allem wichtig ist:

  • Eine positive Sicht auf das Kind. Wichtig ist, seine Angst zu erkennen, ruhig damit umzugehen und die Anforderungen an das Kind jeweils so anzupassen, dass seine Angst nicht noch größer wird.

  • Dem Kind ein gewisses Maß an Kontrolle belassen, um damit seine Angst zu reduzieren. An Tagen, an denen die Angst besonders groß ist, die Anforderungen entsprechend kleiner halten.

  • Autisten mögen Routine, für Kinder mit PDA kann es aber hilfreich sein, Routinen immer wieder etwas abzuändern, und Dinge neu und aufregend zu halten.

 

[Quelle:

https://senmagazine.co.uk/articles/articles/senarticles/avoiding-the-subject#comment-22717]

 

 

Abschließend noch zwei Vergleichs-Tabellen:

Autismus – Asperger-Syndrom – PDA

ODD (Oppositionelles Verhalten) - PDA - Bindungsstörung (Attachment Disorder)

 

Tabelle 1:

VERGLEICH

Autismus – Asperger-Syndrom – PDA

.

.

Autismus

Asperger-Syndrom

 

PDA

Probleme/Schwierigkeiten in der

- sozialen Kommunikation

- sozialen Interaktion

- sozialen Imagination

 

Probleme/Schwierigkeiten in der

- sozialen Kommunikation

- sozialen Interaktion

- sozialen Imagination

 

Zusätzlich:

Sensorische Probleme

 

Angstbasiertes Bedürfnis nach Kontrolle; neigen dazu, alltägliche Anforderungen nicht zu erfüllen

 

Tantrums (Koller, Wutanfall), manchmal gewalttätiges Verhalten als Reaktion auf eine Bitte hin (z. B. auf: Zieh deinen Mantel an)

 

Mögliche frühe Anzeichen:

 

  • Kein Zeigen/Deuten auf Gegenstände
  •   Sprachverzögerung / keine Sprache
  • Verhaltensprobleme 
  • Tantrums (Koller, Wutanfall)
  • Auffälliger Augenkontakt
  • Seltsames Spielen (z. B. Autos in einer Linie aufreihen oder nur an den Rädern drehen)
  • Beharren auf Routinen, Gleichförmigkeit
  • Distanzierte oder mangelnde soziale Gegenseitigkeit
  • Repetitives (sich wiederholendes) Verhalten

 

Im Gegensatz zu Autismus:

 

  • Weniger Sprachprobleme
  • Oft durchschnittlich oder überdurchschnittlich intelligent
  • Keine Lernbehinderungen wie bei Autismus, aber evtl. Lernprobleme (Dyslexie, Dyspraxie)
  • Evtl. ADHS
  • Epilepsie
  • Probleme, Mimik zu erkennen
  • Probleme mit Smalltalk, Aussagen wörtlich nehmen  
  • Ungewöhnliche Interessen
  • Probleme, Freundschaften zu schließen

 

Im Gegensatz zu PDA:

  • Finden Phantasiespiele sehr schwierig

 

 

 

  • Extrem ängstliches Reagieren auf Alltagsanforderungen
  • Stimmungs-Schwankungen, „Jekyll-und-Hyde-Charakter“
  • Teilweises „Versinken“ in Rollen- und So-tun-als-ob-Spielen
  • Teilweise frühe Sprachentwicklung /
  • Sprachprobleme, die aber gut aufgeholt werden
  • Evtl. sensorische Probleme
  • Zwanghaftes Verhalten, manchmal auch in Bezug auf Personen
  • Übernehmen evtl. eine dominierende Rolle beim Spielen und sind bemüht, stets alles unter Kontrolle zu haben

 

 

[Quelle: www.thepdaresource.com/files/PDA-Awareness-Matters_PDA_Society.pdf; S.32,33]

 

 

Tabelle 2:

VERGLEICH

Unterschiede zwischen ODD, PDA und AD

 

ODD = Oppositional Defiant Disorder; Oppositionelles Verhalten – WICHTIG:

Im Gegensatz zu Kindern mit Verhaltensstörungen (conduct disorders) verhalten sich Kinder mit ODD nicht aggressiv gegenüber Personen oder Tieren, zerstören kein Eigentum, stehlen und betrügen nicht. Wichtige Differentialdiagnose: RAD (Reactive Attachment Disorder).

[Quelle: Wikipedia – Oppositional defiant disorder; Link unten]

 

AD/RAD = Attachment Disorder, Reactive Attachment Disorder; Bindungsstörung – WICHTIG:

Evtl. problematische soziale Beziehungen, die auftreten, nachdem ein Kind etwa drei Jahre alt ist, bedeuten zwar großen Stress für das Kind, bedingen aber keine Bindungsstörung.

[Quelle: Wikipedia – Attachment disorder; Link unten]

 

.

.

ODD

- Oft zusammen mit ADHD -

 

PDA

AD/RAD

 

Zeigt sich durch:

 

Anhaltendes negatives, feindlich gesinntes und aufsässiges Verhalten.

 

Das Verhalten ist oppositionell, aber nicht manipulativ.

 

Positives Eltern-Training kann hilfreich sein.

 

 

Zeigt sich durch:

 

Vermeidendes und kontrollierendes Verhalten, aufgrund von Angst.

 

Schwierigkeiten im sozialen Verstehen.

 

Benutzen vielfältiger Vermeidungs-Strategien einschl. sozialer Manipulation.

 

Zeigt sich durch:

 

Gehemmtes, emotional zurückgezogenes Verhalten und eine anhaltende soziale oder emotionale Störung aufgrund von

  • einem sehr schwierigen frühen Leben,
  • schwerem Missbrauch oder Trauma.

ODD gehört nicht zum Autismus-Spektrum.

 

PDA ist Teil des Autismus-Spektrums.

Die Probleme, die Kinder zeigen, ähneln denen bei Autismus einschl. PDA.

 

URSACHEN bzw.

mögliche Einflussfaktoren:

 

  • Genetische Einflüsse
  • Vorgeburtliche Faktoren und Geburtskomplikationen
  • Neurobiologische Faktoren
  • Sozial-kognitive Faktoren
  • Umwelteinflüsse

 

 

URSACHEN:

 

 

[Angst]

Mögliche URSACHEN:

 

 

[Mangelndes (Ur-)Vertrauen]

 

  • Frühgeburt
  • In-Utero-Trauma
  • Misshandlungen oder Vernachlässigung in den ersten drei Lebensjahren
  • Emotional gleichgültige Pflegeperson
  • Trennung von Mutter oder Pflegeeltern, wechselnde Pfleger
  • Sexuelle Misshandlung
  • Häufige Krankenhausaufenthalte, schmerzhafte medizinische Eingriffe oder chronische Schmerzen
  • Autismus bzw. Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom

 

 

[Quelle: www.pdasociety.org.uk - What are the differences between PDA, ODD and AD?]

[Quelle Ursachen: Wikipedia – ODD, Bindungsstörung]

 

 

Bitte lesen bei Wikipedia:

 

https://en.wikipedia.org/wiki/Oppositional_defiant_disorder

https://en.wikipedia.org/wiki/Pathological_demand_avoidance

https://en.wikipedia.org/wiki/Attachment_disorder

https://en.wikipedia.org/wiki/Reactive_attachment_disorder

  • Wichtige Differentialdiagnosen oder Komorbiditäten zu/bei RAD sind: Verhaltensstörungen, ODD, Angststörungen, PTBS (Posttraumatische Belastungsreaktion), Soziale Phobie und auch Autismus, PDD (Tiefgreifende Entwicklungsstörung), Kindheits-Schizophrenie und manche genetischen Syndrome.  

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Bindungsst%C3%B6rung

(Bindungsstörung)

https://de.wikipedia.org/wiki/St%C3%B6rung_des_Sozialverhaltens

(Störung des Sozialverhaltens)

https://de.wikipedia.org/wiki/Verhaltensauff%C3%A4lligkeit

(Verhaltensauffälligkeit)

 

https://en.wikipedia.org/wiki/Pervasive_developmental_disorder

https://de.wikipedia.org/wiki/Tiefgreifende_Entwicklungsst%C3%B6rung

(Tiefgreifende Entwicklungsstörung)

https://en.wikipedia.org/wiki/Pediatric_schizophrenia

(Kindheits-Schizophrenie)

  • Wichtige Differentialdiagnosen sind v. a. auch vorgeburtliche und Geburtskomplikationen.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Psychose - Frühkindliche Psychose, Differentialdiagnosen

 

https://en.wikipedia.org/wiki/Emotional_dysregulation

https://en.wikipedia.org/wiki/Borderline_personality_disorder

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Emotional_instabile_Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung

(Emotional instabile Persönlichkeitsstörung)

https://de.wikipedia.org/wiki/Borderline-Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung

(Borderline-Persönlichkeitsstörung)

 

 

Siehe auch:

Diskussionsseite

Noch ein Nachtrag – Die Bedeutung von Teilleistungstörungen

Autismus-Spektrum, Asperger-Syndrom, Nonverbale Lernstörung

Angst, Angst und Autismus

Lernprobleme

Fragen, Fragen, Fragen – Epilepsie, Hirnlokales Syndrom

Was uns nicht hilft, Was uns hilft

Zum Nachdenken – Händigkeit, Kontrastwahrnehmung, Theory of Mind, Stress, Tantrums

 

Und:

Zum Nachdenken - Hypopituitarismus

 

 

Hier gibt es weitere Informationen:

http://www.autism.org.uk/about/what-is/pda.aspx

http://www.autism.org.uk/about/diagnosis/criteria-changes.aspx

 

http://network.autism.org.uk/forum-discussion/pda-and-diagnosis

 

 

09.03.2017

 

 

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