Noch ein Nachtrag …

 

Vor ein paar Jahren hat mich jemand gefragt, ob ich Professor Reinhart Lempp1 kennen würde. Damals musste ich verneinen, mittlerweile habe ich sein Buch

 

„Vom Verlust der Fähigkeit, sich selbst zu betrachten“

- Eine entwicklungspsychologische Erklärung der Schizophrenie und des Autismus – 2

 

gelesen, und da ich insbesondere seine Erklärungsansätze (und dabei vor allem die Bedeutung der Teilleistungsstörungen) sehr interessant und auch hilfreich finde, möchte ich diese Gedanken hier kurz skizzieren - und natürlich auch zu einem darüberhinausgehenden Nachdenken anregen, weil auch hier seit Erscheinen des Buches einige Jahre „ins Land gezogen“ sind.

 

Und auch, weil sich wieder ein Kreis schließt für mich.

 

1 Reinhart Lempp war ein deutscher Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und emeritierter Professor der Universität Tübingen.

Mehr zu Reinhart Lempp bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhart_Lempp

2 Vom Verlust der Fähigkeit, sich selbst zu betrachten - Eine entwicklungspsychologische Erklärung der Schizophrenie und des Autismus“; Verlag Hans Huber, Bern; 1. Auflage 1992 (… und ich hoffe sehr, dass ich auch hier mit diesem Beitrag nicht irgendwelche Copyright-Rechte verletze.)

 

 

Primärer und sekundärer Autismus … ?!

  • „Es handelt sich beim Autismus infantum gewissermaßen um eine angeborene Schizophrenie, oder besser, es handelt sich bei der Schizophrenie um einen sekundären Autismus infantum.“ [S. 114]

 

Die Bedeutung der Teilleistungsstörungen

 

Teilleistungsstörungen als Ursache …

 

Teilleistungsstörungen werden oft nicht erkannt und können damit nicht nur zu einer Verzögerung der kognitiven Entwicklung eines Kindes führen, sondern durch das Nichterkennen der Ursache dieser Entwicklungsverzögerung auch zu einer Beziehungsstörung zwischen dem Kind und seiner Umgebung. [S. 47]

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„Der Grad der Störung, in gewissem Umfange aber wohl auch die frühe Reaktion der Umwelt auf dieses kognitive Defizit, bestimmen auch den Grad und den Charakter der autistischen Störung.“ [S. 112]

 

 

 

„Die Teilleistungsstörung als ein Glied in der Ursachenkette einer Schizophrenie könnte auch der Ort sein, an dem die für die Schizophrenie unbestreitbare Erblichkeit anzusiedeln wäre. Es ist bekannt, daß Teilleistungsstörungen auch erblich auftreten können. So findet man auch in der unmittelbaren familiären Umgebung Schizophrener oft charakteristische Teilleistungsstörungen (Eggers).“ [S. 46]

 

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                

Wichtige Formen, die Reinhart Lempp nennt, sind die visuelle und die auditive Teilleistungsstörung, Störungen der Programmsteuerung und weitere Teilleistungsstörungen, z. B. die Raum-Lage-Labilität. [S. 43ff.]

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Kennzeichen …

 

Visuelle Teilleistungsstörung

  • Störung der Figurhintergrunddifferenzierung als typisches Symptom einer leichtgradigen frühkindlichen Hirnschädigung
  • Störung der motorischen, insbesondere der feinmotorischen Entwicklung und Koordinationsfähigkeit
  • Langsameres und späteres Erkennen der Signalwirkung visuell aufgenommener Situationen, insbesondere sozialer Situationen
  • Schwierigkeiten, den Ausdrucksgehalt von Mimik und Gestik altersentsprechend zu erfassen und zu differenzieren

 

Auditive Teilleistungsstörung

  • Sprachentwicklungsstörungen und -verzögerungen
  • Evtl. Lese-Rechtschreib-Schwäche

 

Störungen der Programmsteuerung

  • Störungen bei der Vorbereitung von Handlungsabläufen und der Integration von Handlungsmustern und -einheiten (z. B. bzw. insbesondere beim Sprechen)

 

Raum-Lage-Labilität

  • Störungen der Orientierung im Raum

 

Weitere

  • Taktil-kinästhetische Störungen
  • Störungen der Geruchs-, Geschmacks-, Schmerz- oder Temperaturempfindung

 

 

Teilleistungsstörungen können vererbt oder früh erworben werden; ererbte Teilleistungsstörungen können durch frühkindliche Ereignisse und besondere Umweltbedingungen noch verstärkt werden. [S. 112]

 

 

Haupt- und Nebenrealität bei Autismus und Schizophrenie

 

Mithilfe der Begriffe Haupt- und Nebenrealität erklärt Reinhart Lempp Autismus und Schizophrenie folgendermaßen:

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Autismus

 

Schizophrenie

 

„Eine gestörte, zumindest veränderte Art der Reizaufnahme und -verarbeitung kann wohl als die wesentliche Grundstörung beim Autismus angesehen werden, von der alle anderen Symptome* … abgeleitet werden können. Sie bilden die Ursache eines beeinträchtigten oder gar fehlenden Aufbaus eines gemeinsamen Realitätsbezuges*, also einer gemeinsamen Hauptrealität.“

 

[S. 100]

 

 

„Die Störung, die wir Schizophrenie nennen, läßt sich so am ehesten als eine Störung des gemeinsamen Realitätsbezuges*, also des Bezugs zu der uns umgebenden Umwelt, den wir mit unseren Mitmenschen teilen, interpretieren.“

 

 

 

[S. 22]

 

* Teilleistungsstörung als Grundstörung.

Als Folgesymptome:

- Kontaktstörung (oder Beziehungsstörung)

- Objektfixierung (Spezialistentum bei Asperger-Autisten)

- Veränderungsangst

- Störung der Sprachentwicklung, Spracheigentümlichkeiten

[S. 98ff.]

 

* Mit Realitätsbezug bzw. gemeinsamer Realität/Hauptrealität ist die Verständigungsfähigkeit zwischen einem Menschen und seinen Mitmenschen gemeint. [S. 21] Nebenrealität ist die ganz eigene Beziehung zur Realität, die nur für den jeweiligen Menschen Gültigkeit hat. [S. 26]

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Beim Autismus

Bei der Schizophrenie

 

 

  • bleibt die Nebenrealität dominierend und führend;
  • eine gemeinsame Realität entsteht nur ansatzweise oder in nur eingeschränktem Maße.

 

[S. 114]

 

„Für den Autismus infantum ergibt sich die begründete Hypothese, dass bei diesen Kindern … der Aufbau eines gemeinsamen Realitätsbezuges von vornherein, d. h. von Geburt an oder seit dem frühen Kindesalter gestört und beeinträchtigt ist.“ [S. 112]

 

 

 

  • kommt es zum Verlust einer bereits aufgebauten, wenn auch offenbar instabilen gemeinsamen Realität, der aber prinzipiell reversibel ist.

 

 

[S. 114]

 

 

 

Eine gemeinsame Realität/Hauptrealität baut ein Kind im Laufe seiner ersten Lebensjahre auf, und so ist leicht nachvollziehbar, dass ein Kind, das seine Umwelt immer ein wenig anders erlebt und erfährt als seine nächsten Bezugspersonen, verunsichert wird und unsicher bleibt in seiner Beziehung zur Umwelt. [S. 46]

 

Und somit ist auch Angst ein wichtiges Thema in diesem Buch …

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„So ist wohl aufgrund der defizitären Erfahrung die Angst und das Gefühl des Bedroht-Seins der herrschende emotionale Hintergrund jeder Erfahrung beim autistischen Kind.“ [S. 114]

 

 

„Die besondere Bedrohung, die der Verlust der Beziehung zur Umwelt für den Betroffenen bedeutet, begründet schwere Angst, ja auch Panikzustände, wie sie in den Symptomen der Katatonie* in Erscheinung treten.“ [S. 54]

 

 

* Katatonie ist ein psychischer Erkrankungszustand mit vorrangig psychomotorischen Störungen. Vorkommen v. a. bei katatoner Schizophrenie, bei organischen Erkrankungen, bei schweren Depressionen. [Pschyrembel 2007]

Bitte lesen:

https://en.wikipedia.org/wiki/Catatonia

 

 

… und deshalb möchte ich hier abschließend nochmals eindringlich darauf hinweisen,

  • dass insbesondere eine Schizophrenie-Diagnose und vor allem die aus dieser Diagnose abgeleitete Medikation mit Neuroleptika nicht hilfreich ist,

und darum bitten, (auch) das bisherige Schizophrenie-Konzept zu überdenken und zu überarbeiten.

Danke.

 

Siehe auch:

Diskussionsseite

Wahrnehmung

Lernprobleme

Fragen, Fragen, Fragen – Hirnlokales Syndrom

Zum Nachdenken – Angst-Aussagen, Agnosie, Stress, Tantrums

Gedankensplitter – Neuroleptika, Psychosen, Katatonie, UAWs

Etc.

 

Bei Wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Agnosie

https://en.wikipedia.org/wiki/Agnosia

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Teilleistungsschw%C3%A4che (Teilleistungsschwäche: Dyskalkulie, Legasthenie, Nonverbale Lernstörungen, Underachiever, Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung)

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Diathese-Stress-Modell

https://en.wikipedia.org/wiki/Diathesis%E2%80%93stress_model

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Angstst%C3%B6rung (Angststörung)

Etc.

 

 

13.10.2016

 

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